Tagebucheintrag vom 8. April 1943 Im vorigen Jahr, während des Schneeschippens, schrieb ich viel über den »privilegierten« Johannes Müller, dessen Frau seine Lederfabrik weiterführte. Der biedere Mann half mir manchmal mit Brotmarken, steckte mir gelegentlich einen Bonbon zu - ich beneidete ihn ein bisschen, weil er ja einige Erleichterungen genoß. Ich hörte dann nichts mehr von ihm. Jetzt: Er wurde vorige Woche verhaftet - Grund unbekannt; es heißt, aber ohne Gewissheit, eine neue Bestimmung zwinge solche Privilegierten, deren arische Kinder im Ausland, zum Sterntragen, und das habe er nicht beizeiten erfahren -, zwei Tage später hat er im Polizeipräsidium sich erhängt (oder ist erwürgt worden). Die Leiche wurde Jacobi nackt überliefert, außer den Würgemalen wies sie keine Verletzung auf. Der Fall hat mich wieder furchtbar durchschauert.
Diary entry of April 8, 1943 Last year, when I was shoveling snow, I wrote a lot about the "privileged" Johannes Muller, whose wife was running his leather factory. A decent man, he sometimes helped me out with bread coupons, occasionally passed me a piece of candy - I envied him a little, because after all he enjoyed certain freedoms. I then heard nothing more from him. He was arrested last week - reason unknown; it is said, but it is not certain, that a new order compels those privileged Jews whose Aryan children are abroad to wear the star, and he had not learned of it in time - two days later he hanged himself (or was strangled) in the police presidium. The corpse was handed over to Jacobi naked, apart from the marks of strangulation it showed no sign of injury. The case once again shook me terribly.
8. April 1943
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